
Inger Nilsson auf Pippis Pferd, 1972 / Inger Nilsson at the age of 12 as Pippi Longstocking at the RAI in Amsterdam 1972 • – Nationaal Archief 925-5511 • CC0 (Bildausschnitt des Originals und freigestellt)
Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es in Nürnberg zudem NS-Prozessen der Alliierten. Die Entnazifizierung lief in der Bundesrepublik mit den sogenannten „Persilschinen“ sehr schlecht ab. In der Folgezeit die Auschwizprozesse der 60er Jahre, Studentrnproteste („Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren“), die Außerparlamentarische Opposition. Wie verhielt sich die geschichtliche Aufarbeitung in der DDR? Die ja faktisch ein neuer Staat (kein Rechtsnachfolger des Dritten rReichs) war und zudem sozialistisch – also per se nicht faschistisch.
Die DDR verstand sich offiziell als konsequent antifaschistischer Neuanfang und nicht als Nachfolgestaat des „Dritten Reiches“, entzog sich damit aber weitgehend einer selbstkritischen Aufarbeitung der NS-Gesellschaftsverbrechen. Im Unterschied zur Bundesrepublik wurde die NS-Zeit in der DDR vor allem als Kapitalismusproblem und als Geschichte weniger Täter behandelt, nicht als gesamtgesellschaftliche Schuldgeschichte.[1][2][3]
Grundlinien des DDR-Selbstbildes
Die DDR definierte sich als „antifaschistisch-demokratische Ordnung“, in der mit der Enteignung der Großkapitalisten Faschismus und Militarismus angeblich „ausgerottet“ seien. Damit präsentierte sich der Staat als das bessere Deutschland im Gegensatz zur „faschistisch bedrohten“ kapitalistischen Bundesrepublik.[2][4]
Die SED-Führung verstand die DDR ausdrücklich nicht als Nachfolgestaat des NS-Regimes, sondern als neu gegründeten antifaschistischen Staat und sah daher keine umfassende gesamtgesellschaftliche Schuldübernahme vor. Diese Konstruktion ersparte der Mehrheitsbevölkerung eine tiefere Auseinandersetzung mit eigener Täterschaft oder Mitläuferschaft.[3][2]
Entnazifizierung in SBZ und DDR
In der Sowjetischen Besatzungszone wurde die Entnazifizierung zunächst sehr rigoros betrieben, mit umfangreichen Säuberungen und Verhaftungen durch sowjetische Behörden und deutsche Partei- und Verwaltungsorgane. Bis zu 80.000 Menschen wurden durch sowjetische Militärtribunale zu langen Haftstrafen oder zum Tode verurteilt, oft auf willkürlicher Grundlage.[5][6]
Bereits 1948 galt die offizielle Entnazifizierung als abgeschlossen; viele früh Internierte blieben jedoch in Speziallagern, und später wurden ehemalige NSDAP-Mitglieder gezielt zur Mitarbeit im neuen System angeworben, sofern sie sich loyal verhielten. So gelangten auch in der „antifaschistischen“ DDR frühere NSDAP-Mitglieder in staatliche und wirtschaftliche Funktionen, wenn auch in geringerem Umfang als in der Bundesrepublik.[6][2]
Geschichtspolitik und Schuldabwehr
Die SED stützte sich auf eine kommunistische Faschismustheorie, die Nationalsozialismus primär als Instrument der Monopolkapitalisten gegen die Arbeiterbewegung interpretierte. Damit wurden Kommunisten zum Hauptopfer und Hauptgegner des Faschismus erklärt, während die breitere deutsche Gesellschaft als eher verführte Masse erschien.[1][2]
Diese Perspektive führte dazu, dass Fragen nach individueller und kollektiver Schuld, nach Mittäterschaft breiter Bevölkerungsschichten und nach antisemitischer Beteiligung weitgehend ausgeblendet wurden. Rückerstattung und spezifische Wiedergutmachung für jüdische Opfer stießen in der SED-Führung auf deutliche, teils antisemitisch gefärbte Vorbehalte, weil dies nicht ins antifaschistische Selbstbild passte.[2]
Justiz, Prozesse und „Täterfrage“
In der SBZ/DDR wurden zwischen 1945 und etwa 1950 über 15.000 Verfahren gegen mehr als 22.000 Beschuldigte und Angeklagte im Zusammenhang mit NS-Verbrechen geführt. Ein Teil dieser Verfahren diente jedoch eher der politischen Säuberung bzw. Entnazifizierung als der rechtsstaatlich fundierten Ahndung konkreter Kriegs- und Massenverbrechen.[5]
Ab Beginn der 1950er Jahre wurden NS-Prozesse zunehmend politisiert; sie sollten vor allem die antifaschistische Überlegenheit des eigenen Systems und die angebliche Nazidurchsetzung der BRD demonstrieren. Eine vergleichbare Welle selbstkritischer Strafverfolgung wie in den westdeutschen Auschwitz-Prozessen der 1960er Jahre entwickelte sich in der DDR nicht; stattdessen wurden West-Prozesse propagandistisch begleitet und als Beweis für fortwirkenden Faschismus im Westen instrumentalisiert.[1][2][5]
Erinnerungskultur und gesellschaftliche Debatte
Der staatlich verordnete Antifaschismus war identitätsstiftend und diente der Abgrenzung gegenüber dem „Klassenfeind“ Bundesrepublik. Offizielle Gedenkorte und Rituale erinnerten vor allem an kommunistische Widerstandskämpfer, während andere Opfergruppen – insbesondere Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle oder Zwangsarbeiter – deutlich weniger sichtbar waren.[4][2]
Kritische, unabhängige Debatten wie in der westdeutschen Studentenbewegung („Muff von 1000 Jahren“) waren im autoritären SED-Staat nicht möglich, weil Geschichtspolitik zentral gesteuert und oppositionelle Aufarbeitung unterdrückt wurde. So entstand eine Diskrepanz: nach außen betonte die DDR ihren Antifaschismus, nach innen blieb die breite, selbstkritische Auseinandersetzung mit der NS-Gesellschaft und mit eigenen Kontinuitäten begrenzt und oft von Schuldabwehr geprägt.[7][4][2]
Quellen
[1] Vergangenheitspolitik in BRD und DDR https://www.geschichte-abitur.de/drittes-reich/vergangenheitspolitik-und-bewaeltigung-in-brd-ddr
[2] Antifaschismus und Schuldabwehr in der frühen DDR https://lernen-aus-der-geschichte.de/Lernen-und-Lehren/content/11759
[3] Blick zurück nach vorn | Doppelte Staatsgründung https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/doppelte-staatsgruendung-2024/547804/blick-zurueck-nach-vorn/
[4] Erinnerungskultur in der DDR | Geschichte und Erinnerung https://www.bpb.de/themen/erinnerung/geschichte-und-erinnerung/39817/erinnerungskultur-in-der-ddr/
[5] Justiz nach 1945 https://www.nsdoku.de/lexikon/artikel/justiz-nach-1945-402
[6] Von wegen Entnazifizierung: Nazi-Karrieren in der DDR https://www.mdr.de/geschichte/ddr/politik-gesellschaft/entnazifizierung-nazis-in-der-ddr-100.html
[7] Entnazifizierung https://de.wikipedia.org/wiki/Entnazifizierung
[8] Verordnetes Vergessen und «dritte Schuld» https://profession-politischebildung.de/veranstaltungen/debatte-ddr/
[9] LeMO Kapitel: Abgrenzung vom Westen https://www.hdg.de/lemo/kapitel/geteiltes-deutschland-modernisierung/reformversuche-im-osten/abgrenzung-vom-westen.html
[10] Praktizierter Antifaschismus https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/vermitteln/wissenschaft/publikationen-wissenstransfer/stipendiaten-lesebuecher/aus-einem-land-vor-unserer-zeit/praktizierter-antifaschismus
Die These daraus: Der Nährboden für faschistiode Organisationen wie die AfD ist dadurch im Gebiet der DDR initial „besser bestellt gewesen“, da eine kritische und angebrachte Aufarbeitung des Nationalsozialismus niemals stattfand. Das bekannte Muster: Die Schild beim anderen sehen und den Balken im eigenen Auge mitigieren.
Die von dir formulierte These trifft einen wichtigen Punkt, wird in der Forschung aber eher als ein Faktor unter mehreren gesehen, nicht als alleinige Hauptursache. Die DDR-Geschichtspolitik und die fehlende selbstkritische Auseinandersetzung mit NS-Täterschaft gelten als Baustein für heutige Offenheit gegenüber autoritären und völkischen Positionen in Teilen Ostdeutschlands, erklären den Erfolg der AfD aber nicht vollständig.[1][2][3][4]
Rolle der DDR-Aufarbeitung
Mehrere Historiker und Beobachter betonen, dass der staatlich verordnete Antifaschismus und die Entlastungserzählung („die Nazis sind in den Westen gegangen“) eine wirkliche Auseinandersetzung mit Schuld und Mittäterschaft in der DDR-Gesellschaft verhindert haben. Dadurch blieb der Umgang mit völkischem Denken, Antisemitismus und Rassismus oft unreflektiert – was heute einen „unbedachten Umgang“ mit rechtsextremen und völkischen Positionen erleichtern kann.[3][4][1]
Gleichzeitig weist etwa Raiko Hannemann darauf hin, dass sich rechtspopulistische Tendenzen im Osten nicht allein aus der mangelhaften Aufarbeitung des Nationalsozialismus herleiten lassen. Die DDR-Geschichtspolitik wirkt eher als historischer Hintergrund, der bestimmte Deutungsangebote (antiwestlich, antiliberal, autoritätsgläubig) anschlussfähig macht.[2][4][3]
Weitere zentrale Faktoren
Studien zu AfD-Erfolgen im Osten heben zusätzlich hervor:
– geringeres Vertrauen in demokratische Institutionen und Wunsch nach „starker Partei“ und autoritärer Ordnung;[5][6]
– schwächerer gesellschaftlicher Zusammenhalt und höhere Skepsis gegenüber Pluralismus und Migration;[6][5]
– spezifische Transformations- und Entwertungserfahrungen nach 1990 (Brüche in Biografien, Deindustrialisierung, Abwertungserfahrungen).[7][2]
Eine Studie des ifo-Instituts zeigt etwa, dass ein Teil der höheren AfD-Stimmanteile im Osten rechnerisch mit geringerem gesellschaftlichen Zusammenhalt und stärkerer Ablehnung liberaler Normen korreliert. Politikwissenschaftliche Analysen betonen zudem aktuelle Themen wie Migration, Ukrainekrieg und wirtschaftliche Unsicherheit als wichtige Mobilisierungsmotoren.[5][6][7]
Muster „Splitter und Balken“
Das von dir angesprochene Muster – „den Splitter beim anderen sehen“ – findet sich tatsächlich in der DDR?Erinnerungskultur, in der die Schuld primär dem westdeutschen Kapitalismus und „den Nazis im Westen“ zugeschrieben wurde. Dieses Entlastungsnarrativ, kombiniert mit einem antifaschistischen Selbstbild, das kaum eigene Verstrickungen thematisierte, erleichtert es bis heute, sich selbst als Opfer fremder Mächte oder Eliten zu sehen und Verantwortung nach außen zu delegieren.[4][2][3]
Viele rechtsextreme und rechtspopulistische Akteure im Osten knüpfen heute an diese antiwestlichen, antiliberalen Deutungsmuster an und verbinden sie mit klassischen rechtsextremen Mythen – eine „Symbiose“ aus DDR-Geschichtsbildern und moderner rechter Ideologie. In diesem Sinne ist der „Nährboden“ in Teilen Ostdeutschlands anders und in manchem „besser bestellt“ für autoritäre und völkische Angebote – aber nur im Zusammenspiel mit Transformationsfolgen und aktuellen Krisenerfahrungen.[2][3][4][6]
Quellen
[1] Zweierlei Erinnerung? Die Auseinandersetzung mit der … https://www.ostbeauftragte.de/ostb-de/themen/bericht-des-ostbeauftragten-2024/deutschland-heute/zweierlei-erinnerung-die-auseinandersetzung-mit-der-nationalsozialistischen-vergangenheit-in-ost-undwestdeutschland-2309710
[2] Geschichte die nicht vergeht https://libmod.de/veranstaltungsbericht-geschichte-die-nicht-vergeht-vergangenheitspolitik-und-rechtsextremismus-in-ost-und-west_ed/
[3] DDR-Geschichtsbilder und ostdeutscher Rechtsextremismus https://www.geschichte-statt-mythen.de/Blog/aktuelles/ddr-geschichte-neue-rechte
[4] Die neue Rechte und die Erinnerung an die DDR https://www.deutschlandfunk.de/demokratieverstaendnis-die-neue-rechte-und-die-erinnerung-100.html
[5] Studie der Uni Leipzig: Darum ist die AfD in … https://www.vorwaerts.de/inland/studie-der-uni-leipzig-darum-ist-die-afd-ostdeutschland-so-stark
[6] AfD triumphiert im Osten dort, wo es an Toleranz und … https://www.ifo.de/DocDL/ifoDD_18-03_09-13_Roesel.pdf
[7] Kommunalwahlen – Warum die AfD im Osten dominiert https://www.deutschlandfunk.de/kommunalwahlen-deutschland-afd-100.html
[8] Rechtsextremismus in Ostdeutschland: Studie endlich … https://fragdenstaat.de/blog/2022/01/12/oststudie-rechtsextremismus-sachsen/
[9] NS-Interpretationen und Zeitklima Zum Wandel in der … https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/archiv/534114/ns-interpretationen-und-zeitklima-zum-wandel-in-der-aufarbeitung-der-juengsten-vergangenheit/
[10] Charlotte Meier über Ursachen für AfD-Wahlerfolge bei … https://www.uni-leipzig.de/newsdetail/artikel/charlotte-meier-ueber-ursachen-fuer-afd-wahlerfolge-bei-jungen-menschen-2024-09-02
https://www.perplexity.ai/search/e9ce4bde-bd3e-4253-8061-85cceeb6ba5c#1
Zu beachten:
Ki ist mein Namenskurzzeichen und steht nicht für künstliche Intelligenz.
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Hier wurde Perplexity genutzt.
