Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit

Buch Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit
2021 Droemer Verlag
Mai Thi Nguyen-Kim
368 Seiten
ISBN 978-3-426-27822-2
20,00 €

Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit

Wahr, falsch, plausibel?
Die größten Streitfragen wissenschaftlich geprüft

Ein Wissenschaftsbuch, das mit 9 Kapiteln streitbare Themen beleuchtet von Mai Thi Nguyen-Kim.

Doch wer ist die Autorin?
Mai Thi war während ihres Studiums Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes. Weniger als 0,5 % aller deutschen Studenten werden von der Studienstiftung gefördert. Sie ist Wissenschaftsjournalistin für verschiedene Formate des ZDF. Sie startete mit YouTube-Kanälen zu Wissenschaftsthemen. maiLab als aktuelles Format hat ein Millionenpublikum (mehr als 1 Millionen Abonnenten im September 2020). Mai Thi hat u.a. 2020 das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland bekommen.

Mai Thi nimmt den Leser mit. Das wird nicht allein durch die Du-Form erreicht, sondern durch die sehr erfrischende Schreibweise. Die zahlreichen Infoboxen lassen die wissenschaftlichen Inhalte und Fachbegriffe leichter verstehen und verdauen (etwa die 4 Phasen der wissenschaftlichen Studien (ohne Prästudien), Korrelationen, Genom, Belastungen bei Tierversuchen). Dass Mai Thi hier ein wissenschaftliches Sachbuch geschrieben hat, kann man fast vergessen, da ihre Sprache hier sehr stark bewirkt, dass der Leser gefesselt am Buch klebt.

Wissenschaftlichkeit heißt nicht, weniger streiten, sondern besser.

(S. 342)

Viele der Themen polarisieren. Das Thema „Videospiele und Gewalt“ ist so ein Stichwort. Hier hat sicherlich jeder eine dedizierte Meinung zu. Auf der einen Seite wird e-Sport als Möglichkeit gezeigt, Videospiele auf Vereinsebene im sportlichen Wettkampf auszutragen, auf der anderen Seite sind die Vertreter, die Korrelationen zwischen Amokläufern und Egoshootern sehen. Leider ist die wissenschaftliche Datenlage für das eine Lage oder das andere Lager objektiv betrachtet nicht wirklich weit auseinander. Hier werden dann auch – wie im weiteren Verlauf des Werkes auch – studienverzerrende Methodiken vorgestellt: P-Hacking, Publication Bias, HARKing.

Sehr schön sind die Fangfragen zu beginn von (fast) allen Kapiteln. Der Leser ist schnell geneigt, sich hier schon innerlich festzulegen. Mitunter kommt dann im weiteren wissenschaftlich unterfütterten Verlauf des Kapitels heraus, dass gegebenenfalls gar keine der in Aussicht gestellten Antworten auch nur ansatzweise richtig ist. Das kann dann zum Reflektieren der eigenen Auffassung führen. Und klar ist auch: Es besteht ein Hang zu klaren, einfachen Antworten. Leider ist die Welt und die Fragestellungen zu komplex, dass es hier immer einfache Lösungen gibt. Wer solche Anbiete, führt leider meist in die Irre.

Mai Thi möchte in ihrem Werk ein Verständnis für das wissenschaftliche Handwerkszeug erzeugen, so dass der Leser in einer Diskussion oder einem Expertendialog im Fernsehen erkennen und einschätzen kann, in wie weit die dargelegten Informationen wohl richtig sind. Dass der wissenschaftliche Konsens keine Abstimmung ist und dass bei einer Konsens-Studie keine Prozentzahl genannt werden kann, sollte dem Leser nach Durcharbeite des Werkes einleuchten. Auch dass ein Konsens nicht in „Stein gemeißelt“ ist, sondern bei neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen änderbar ist, sollte klar sein (das Paradebeispiel: Die Erde dreht sich um die Sonne). Es ist ihr ganz klar wichtig, dass der Leser wissenschaftliche Methodiken versteht bzw. einfordert, denn sonst sind wissenschaftliche Erkenntnisse wenig aussagekräftig. Auch das Verständnis für wissenschaftliche Fehlerkultur – also das Prinzip er Falsifizieren – ist essentiell und sollt bekannt sein.

„Wozu auf die Wissenschaft hören?“, hat sich so mancher währen der Corona-Pandemie gefragt, die irren sich doch eh ständig. Dabei übersehen wir, dass der Unterschied zwischen jemandem, der immer recht hat, und jemandem, der oft irrt, oft nur darin liegt, dass Letzterer seinen Irrtum einsieht.

(S. 340)

Ein Wort noch zu den Anmerkungen: Ganze 23 Seiten fassen die Anmerkungen, die die Fußnoten des Buches aufnehmen und auf weiterführende Literatur oder zitierte Literatur verweisen. Ein beachtlicher Fundus, der für sehr weite Exkursionen reichen sollte.

Mai Thi beendet das Werk mit der Feststellung, dass 2020 für sie ein verrücktes Jahr war, u.a. weil sie Mutter wurde und so an die Zukunft ihrer Tochter und die menschheitlichen Herausforderungen bangend denkt. Mit ganz unwissenschaftlicher Herangehensweise, wie sie betont, weigert sich Mai Thi zu glauben, dass die Pandemie und die Klimakrise nicht gemeistert werden, weil die Menschen doch noch vernünftig sein können und von der Wissenschaft lernen. Ihre Tochter wird irgendwann dieses Buch zur Hand nehmen und ihre Mutter fragen, warum jene damals so seltsam war.

Möge die Tochter wirklich zu dieser Überzeugung kommen, Mai Thi und die Welt wäre sicher sehr glücklich.

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